vortrag über friedensreich hundertwasser


der vortrag wurde am 18.09.2009 im rahmen der eröffnungsvernissage zur ausstellung "Friedensreich Hundertwasser" gehalten,
die veröffentlichung erfolgt mit freundlicher genehmigung des vereins "Kultur Erlangen-Höchstadt e.V." (www.kultur-erh.de)
Kultur Erlangen-Höchstadt e.V.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Ich freue mich sehr, ihnen heute als Einstieg in die Ausstellung einen Einblick in das Leben und Werk von Friedensreich Hundertwasser geben zu dürfen. Der Vortrag wird etwa 10 Minuten dauern, das ist für eine komplexe Persönlichkeit wie die Hundertwassers nicht lang, aber man könnte wohl auch 10 Stunden reden, ohne an ein Ende zu kommen. Die Schwierigkeit fängt schon beim Namen an: Der Friedrich Stowasser, der am 15.Dezember 1928 in Wien geboren wird, wird im Laufe seines Lebens Friederich, Friedereich und Friedreich heißen, Regentag und Dunkelbunt, Friedensreich und Hundertwasser. Sto bedeutet auf ungarisch Hundert, so kommt man von Stowasser auf Hundertwasser. Friedrich schreibt sich japanisch mit den zwei Schriftzeichen für Frieden und für reich, so kommt man von Friedrich zu Friedensreich. Der Beiname Regentag geht wohl zurück auf Hundertwassers Beobachtung, dass die Farben der Natur bei Regen besonders intensiv leuchten, der Name Dunkelbunt auf seine Farbpalette, die sehr erdige, selbstgemachte Farben neben industrielle stellt, wodurch beide stärker zu leuchten beginnen. Seine vielen Namen begründet Hundertwasser so:

"Ein Mensch hat einen Namen. wenn er viele Namen hat, steht er für viele Personen.
Das ist sehr gut. Ich habe viele Namen und bin viele Personen. Ich möchte 10 Hundertwassers sein und zehnmal mehr tun.
Da das nicht möglich ist, möchte ich zumindest viele Namen haben."

Ich werde jetzt zeigen, dass es ihm durchaus gelungen ist, mehrere Hundertwassers zu sein. Zehn davon möchte ich im Folgenden kurz vorstellen:

Kapitel 1: Künstler
Zwei Ereignisse gibt es, die den jungen Hundertwasser mehr als alle anderen prägen: Da ist im Positiven Egon Schiele, den Hundertwasser in Wien studiert hat und der ihn nach eigener Aussage stark berührte und prägte. Für Schiele wie für Hundertwasser sind Farben lebendige Materialien, die schwingen und pulsieren und klingen. Beide Künstler, Schiele und Hundertwasser, wollen mit ihren Bildern der Musik nahekommen. Da ist im Negativen das große Leid, das er unter der Nazi-Herrschaft miterleben musste. Hundertwassers Mutter war jüdischen Glaubens, 69 seiner Familienmitglieder wurden während des sogenannten Dritten Reichs ermordet. Sicherlich verabscheute er auch deshalb die gerade Linie als unmenschlich und gefährlich, sicherlich erinnern ihn auch deshalb die endlosen gleichen Fenster der modernen Gebäude an Käfige, an KZ-Fassaden und an Gefängnisgitter.

Kapitel 2: Asket
Man müsse unabhängig sein, sagt Hundertwasser. Es sei ohne Weiteres möglich von 50 Dollar im Jahr zu leben, und diese 50 Dollar nach dem Jahr noch in der Tasche zu haben, sagt er und demonstriert es unter anderem Ende der 40er Jahre in Paris, wo er bei Freunden wohnt, für Kost und Logis malt und arbeitet, und sich im Übrigen die Dinge von Bekannten leiht, die er benötigt. Hundertwassers asketischer Zug ist auch einer der Gründe warum er sich nicht mit den Abstrakten Expressionisten um Jackson Pollock identifiziert, die so verschwenderisch mit all den kostbaren Farben umgehen, die so viel Dreck machen, die so wenig Farbe auf dem Bild und so viel Farbe an Wänden, Böden und sich selbst verteilen. So gründet folgerichtig der von ihm erfundene und praktizierte "Transautomatismus" auf Ruhe, Selbstbeherrschung, Sparsamkeit und Bedachtsamkeit.

Kapitel 3: Politiker
Hundertwasser hat sich stets für eine Welt eingesetzt, die seine Erkenntnisse teilte. Diese Weltsicht ist antiautoritär und im konstruktiven Sinn konservativ, er will die guten Dinge bewahren, die Natur, die humanistischen Werte, die Vielfalt. So entwirft er Briefmarken für die Vereinten Nationen und Länderflaggen für Neuseeland und Israel, er schreibt Manifeste wie das hier ausgestellte Pintorarium und veranstaltet Protestaktionen. Seine politische Sicht polarisiert: Manche sehen in ihm einen verkappten Monarchisten, einen Esoteriker und weltfremden Träumer. Esoteriker ist er wohl teilweise, weltfremd jedoch ganz und garnicht.

Kapitel 4: Realist
Hundertwasser kannte die Grenzen seines Einflusses sehr genau. So gestaltet er, der Ökologe, in Wien unter erbittertem Protest der Anwohner eine Müllverbrennungsanlage um, weil er ganz genau weiß, dass die Anlage, so umweltschädlich sie sei, besser für die Umwelt ist als die verseuchten und weitgehend unkontrollierbaren Mülldeponien. Eine müllfreie Gesellschaft wäre ihm lieber wie er betont, aber bis diese realisierbar sei, versuche er eben das Beste aus der Gegenwart zu machen.

Kapitel 5: Esoteriker
Hundertwassers Bilder scheuen sich nie vor klaren Aussagen, er bezieht damit eine bewusste Gegenposition zu der in seinen Augen zynischen und inhaltslosen abstrakten Kunst. In diesem Zusammenhang kann man mindestens zwei von Hundertwassers charakteristischen Symbolen nennen. Die Spirale: Sie steht bei ihm für den Lauf des Lebens mit all seinen Überraschungen und Windungen, für den Kreislauf der Natur, den geschwungenen Flußlauf oder schlicht die Unendlichkeit. Die Zwiebelkuppel: Sie ist für Hundertwasser ein sinnliches Element, Symbol einer üppigen und fröhlichen Architektur, er sagte sie erinnere ihn an eine rundliche Schwangere, sie ist für ihn Symbol des Lebens und der Menschlichkeit. Hundertwasser philosophiert in seinen Bildern, die er als seine Kinder betrachtet, viel über Leben und Tod, über die Ewigkeit und die Zukunft, er wirbt für die Rückführung der toten Körper in den Naturkreislauf, und baut eine Kirche, in der alle Religionen willkommen sind.

Kapitel 6: Architekt
Hundertwassers kontroversestes Betätigungsfeld ist wohl die Architektur. Seine Aussage, die Architektur sei die dritte Haut des Menschen, formuliert den hohen moralischen Anspruch, den Hundertwasser an Gebäude hat. Sein Standpunkt ist, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, für sich selbst sein eigenes Haus zu bauen, auch wenn es danach zusammenstürzt, und dass jeder die Fensterrahmen seiner Wohnung außen so weit bemalen darf wie sein Pinsel reicht. Außerdem lehnt Hundertwasser den Beruf des Architekten ab. Sie seien Erfüllungsgehilfen einer völlig vom Menschen entfremdeten Wohnsituation. Das hat ihm verständlicherweise nicht nur Freunde eingebracht. So beschimpfen ihn viele Architekten wohl nicht ohne Rachegedanken als Blender und Schwätzer, als kitschigen Fassadenmaler und naiven Intellektuellen. Ohne diesen Streit werten zu wollen, zeigt er doch eines: der Einfluss Hundertwassers auf die Architektur war offensichtlich groß genug um deren Siegelwahrer aus der Deckung zu locken, seine Ideen waren offensichtlich zu stark, um ignoriert zu werden.

Kapitel 7: Poet
Die Namen, die Hundertwasser seinen Werken gibt, sind ganz die Schöpfungen eines ganzheitlich denkenden Künstlers. Der Klang seiner Bildtitel verstärkt die Kraft und die Aussage der Bilder. Sie werden in dieser Ausstellung unter anderem an Bildern vorbeigehen, die Titel tragen wie "Die Schatten der Sterne", "Die Häuser hängen unter den Wiesen" oder "Des Mandarins Lied vom weißen Nebel".

Kapitel 8: Lehrer
Als Hundertwasser 1959 eine Gastdozentur an der Kunsthochschule am Lerchenfeld in Hamburg erhält, veranstaltet er nur eine einzige Vorlesung. Er sagt den Studenten folgendes:

"Es steht fest, dass viele von Ihnen kein wirkliches Talent zur Kunst haben und daher nicht hier sein sollten.
Es steht ebenso fest, das einige von Ihnen zum Künstler geboren sind und daher keine Ausbildung brauchen.
Im einen wie im anderen Fall täten Sie gut daran, nach Hause zu gehen um Ihre ureigene, individuelle Kreativität zu entwickeln, so wie ich es vorhabe.
Darin erschöpft sich mein Rat und meine Unterweisung."

Das Zitat verdeutlicht, dass er Kunst als etwas betrachtet, dass man aus sich selbst heraus entstehen lassen muss, das mit Glück zu einem kommt, ohne erzwungen werden zu können. Hundertwasser selbst sagte, er öffne mit seinen guten Bildern manchmal kleine Fenster, die den Blick in eine andere Welt eröffnen. Das ist ein wichtiger Teil seines Zaubers.

Kapitel 9: Ökologe
Hunderwassers ökologische Ziele sind kompromisslos und gewaltig. Er will den natürlichen Nahrungskreislauf wiederherstellen, will nachhaltig bauen und arbeiten, will die Natur bewahren und heilen, alle Dächer begrünen und Bäume zusammen mit Menschen in Häusern leben lassen. Er argumentiert gegen Ausbeutung, Hektik und Eintönigkeit, für Vernunft, Sorgfalt, Nachhaltigkeit und Respekt. Damit ist er Vordenker und Messlatte für die so genannten grünen Parteien und Organisationen.

Kapitel 10: Reisender
Hundertwasser besuchte unzählige Orte dieser Welt. Er war unter anderem in Rom, Neuseeland, Tokio, Paris, Oslo, im Sudan, London, New York, Genf, Uganda, Marokko, Tunesien, San Francisco, Venedig, Chicago, Melbourne, München, Sydney, Tel Aviv, Reykyavik, Brooklyn, Caracas, Sao Paolo, Senegal, in Korsika und auf den Kapvedischen Inseln. Er besegelte den Pazifik und den Atlantik. Und er bereist die Ewigkeit. Nach seinem Tod am 19.Februar 2000 wurde er nach seinen Wünschen nackt in ein Tuch gewickelt und in Neuseeland, in seinem Garten der glücklichen Toten, unter einem Tulpenbaum begraben. Mit dieser Aufzählung möchte ich Ihnen gleichsam Werkzeuge in die Hand geben, die Ihnen helfen sollen, tieferen Zugang zu dieser umfangreichen und vielfältigen Ausstellung zu finden. Hundertwasser selbst wäre mit meiner Darstellung seines Lebens eher nicht einver-standen gewesen. Sie wäre ihm wohl zu systematisch gewesen, zu ordentlich und zu einheitlich. Wenn Sie also nun die Ausstellung ansehen, lassen Sie sich Zeit, gehen Sie Ihren eigenen Weg und bilden Sie sich Ihre eigene Meinung über die Werke. Das wäre sicher in seinem Sinn gewesen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.



presse

artikel im "fränkischen tag" über die vernissage zur hundertwasser-ausstellung 2009 (png, ~ 1,5 mb)